AT | 1190 Wien | Brauerei Nussdorf

Die Brauerei Nussdorf wurde 1819 gegründet und bestand bis etwa 1950 (Fusionierung mit der Schwechater Brau AG [1]. Zusammenfassende Artikel zur Brauereigeschichte finden sich in den Quellen [1] und [2]. schlot.at möchte an dieser Stelle nicht wiederkäuen, sondern einige wenig bekannte bzw. bisher unpublizierte Belege des Braugeschehens in Nussdorf zeigen.

1819 wurde im ehemaligen Jesuitenhof, Hackhofergasse 9, die Brauerei gegründet [1].

Wohl aus den frühen 1830er Jahren datiert ein tuschegezeichneter handcolorierter Fassadenplan im Maßstab 1:72 [3], der die straßenseitige Ostfront des noch erhaltenen und denkmalgeschützten Gebäudes [4] zeigt.

1860 zeigt sich das Brauereigelände bereits wesentlich erweitert, wobei die Gebäudeanordnung des obigen Fassadenplans noch exakt erhalten ist [5].

Das mit 1887 datierte Foto einer „Bierhalle Nussdorfer Brauerei/Restauration/Caffeehaus“ [6] zeigt das kurz darauf geschleifte sogenannte Lamberg-Schlössl, an dessen Stelle 1889 der Bahnhof Nussdorf errichtet wurde [7].

Bierhalle Nussdorf, 1887 [6]
Um 1890/1900 datiert das folgende Foto von Darre und Malztennen 8+9 [8].

Der ehemalige Jesuitenhof, die Darre und die Malztennen 8+9 sind auf einer brauereieigenen Postkarte um 1900 gut verortbar [9].

Verortung: ehem. Jesuitenhof und Darre [9]
Der bereits 1842 errichtete Nussdorfer Bockkeller [2], ein großer Biergarten mit Aussichtsturm, ist samt Brauerei auf einer 1906 gelaufenen Postkarte abgebildet [10].

Bockkeller und Brauerei, ca. 1906 [10]
Eine Postkarte aus 1909 zeigt die mächtigen Bierhallen der Nussdorfer Brauerei von Osten aus gesehen [11].

Bierhallen, ca. 1909 [11]
Aus der Mitte des 20. Jahrhunderts liegen uns als physische Überbleibsel eine Alka-Kapsel [12] und ein Bierdeckel der Nussdorfer Brauerei [13] vor. Auf letzterem sind die zahlreichen Bierlager in der Umgebung Wiens abgebildet – Klosterneuburg, St. Andrä, Stockerau, Absdorf, Heiligeneich, Königstetten, Tullnerbach, St. Pölten, Obergrafendorf, Mariazell, Krems, Ottenschlag, Gföhl, Ziersdorf, Hollabrunn, Zellerndorf, Eggenburg, Vitis, Gmünd, Heidenreichstein, Litschau.

Bemerkenswert ist, dass nach der Schließung der Nussdorfer Brauerei nach der Fusion mit der Schwechater Brau AG 1950 [2] die am Standort befindliche Mälzerei als eigene juristische Person betrieben wurde: „Nußdorfer Mälzerei Aktiengesellschaft“, Wien XIX, Hackhofergasse 9 (1819). Pächter: Brauerei Schwechat AG [14].

1965 wurde ein Großteil der eigentlichen Brauerei mit Ausnahme des Hauses Hackhofergasse 9 geschleift und neu verbaut [2].

1984 bis 2004 wurde von einem Nachfahren der Brauereidynastie noch „Nussdorfer Bier“ in kleinem Rahmen erzeugt [2].

Quellen:

[1]…geschichtewiki Wien, 13.01.2022

[2]…https://seen-suechtig.jimdofree.com/wiener-brauereien/nussdorf/ , 13.01.2022

[3]…Facade des Brauhauses zu Nussdorf, 1:72, Architektenzeichnung, Eigentum schlot.at-Archiv (2017)

[4]…Ehemaliges Brauhaus Nussdorf/Denkmalschutz, 13.01.2022

[5]…Brauhaus Bachofen & Medinger (1860), 13.01.2022

[6]…Fotografie, beschrieben „Nussdorf 87“, nach Auskunft von P. MARSCHNER das sogenannte Lamberg-Schlössl. Eigentum schlot.at-Archiv (2019)

[7]…Generalstadtplan Wien 1912, 13.01.2022

[8]…Fotografie des Brauereigeländes in Nussdorf, 146 x 102 mm, Fotograf A. Raffelsberger, Wien-Nussdorf, undatiert. Eigentum schlot.at-Archiv (2021)

[9]…Correspondenz-Karte/Nussdorfer Bierbrauerei von Bachofen & Medinger, k.u.k. Hof-Brauer, Wien XIX/2, ohne Datum. Sammlung MARSCHNER, Gießhübl (2021)

[10]…Postkarte „Donau-Panorama/Nussdorf/Bockkeller des k.u.k. Hofbrauhauses. K. Ledermann, Wien, gelaufen 1906, Sammlung MARSCHNER, Gießhübl (2021)

[11]…Postkarte „K.u.k. HofbrauhallenNussdorf, Wien XIX/2, P. Ledermann 1909, Sammlung MARSCHNER, Gießhübl (2021)

[12]…Abriss-Kapsel für Bierflasche, Nussdorfer Brauerei/N, Mitte 20. Jhdt, Eigentum schlot.at-Archiv (2021)

[13]…Bierdeckel Nussdorfer Bier, 108 mm Durchmesser, Guggenbacher Papierfabrik, um 1950. Eigentum schlot.at-Archiv (2021)

[14]…COMPASS VERLAG (1959): Industrie-Compass Österreich 1959, S 1719

DZ | Algier مدينة الجزائر | Kaianlage/Hafen | 1913

Ansicht von Kai und südlichem Hafenteil von Algier, datiert mit 22.02.1913 [1].

Im Freibereich der Hafenzone lagern neben Baumaterial und Rädern Unmengen an Fässern. Die an der Kaimauer erkennbare Aufschrift erklärt die Ware:

„C.X. Phillips / Vins fins / spiritueux / liqueurs / exportation / sirop / eaux gazeuses“, der im rechten Bildteil erkennbare Gewerbebetrieb:

„Chargeurs Algériens reunis / / Lignes regulières de vapeur / / Société les affréteurs reunis // Laurens Deckers & Cie – Vereinigte algerische Magazine, Dampfschiff-Reederei und Frachtunternehmen Laurens Deckers & Companie“ deren Transport und Lagerung.

Eine seltener Einblick in das Algerien des frühen 20. Jahrhunderts samt französischer Kolonialarchitektur.

 

Quelle:

[1]…Albuminabzug 129 x 89 mm, rückseitig beschriftet „Algier, Kaianlage 22.II.1913“, Eigentum schlot.at-Archiv (2021)

BY | Pinsk | Streichholzfabrik, nach 1939

Anhand der beiden hier beschriebenen Zündholzschachteln kann die traurige Geschichte der ursprünglich polnischen Stadt Pinsk im 2. Weltkrieg beleuchtet werden.

Die mit Sowjetstern und roten Bannern gestaltete Schachtel der Pinsker Zündholzfabrik trägt die weißrussische Aufschrift „17. September“ und nimmt ganz offensichtlich Bezug auf diesen Tag des Jahres 1939. An diesem Tag ließ Stalin als Reaktion auf den 16 Tage zuvor erfolgten Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen den Ostteil dieses Landes „zum Schutze der weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung“ besetzen [1].

Im Zuge dieser Maßnahme kam das bis dahin polnische Pinsk unter sowjetische Verwaltung und wurde der Weißrussischen Sowjetrepublik eingegliedert [2].

Bemerkt wird, dass sich Pinsk seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einem industriellen Zentrum für die Produktion von Seife, Salz, Kerzen, Mehl und insbesondere für Holzindustrie entwickelt hatte [3].

Wie unwirksam der „Schutz der weißrussischen Bevölkerung“ war, zeigt die zweite Zündholzschachtel aus derselben Fabrik, welche deutsch und weißrussisch beschriftet ist. Die Ornamentik besteht nun aus einem Kopf, der einen nach deutschem Schnitt geformten Stahlhelm trägt und einem an das Logo der Deutschen Arbeitsfront angelehnten Zahnrad.

Am 04.06.1941 wurde Pinsk von deutschen Truppen besetzt und per 01.05.1942 das sogenannte Pinsker Ghetto eingerichtet, welches einen Höchsteinwohnerstand von ca. 20.000 Menschen aufwies [2].

Die vielfach jüdischen Insassinnen und Insassen des Ghettos wurden für Arbeiten in den Industriebetrieben der Umgebung zwangsrekrutiert [3]. Dazu gehörte auch die Zündholzfabrik, die laut Besatzerangaben mit „mindestens 500 Leuten 500.000 Schachteln am Tag produzierte“ und eine der größten derartigen Fabriken der Sowjetunion war [3].

Das Ghetto wurde Ende 1942 aufgelassen und ein Großteil der Einwohnerzahl ermordet [2].

Die ehemalige Pinsker Streichholzfabrik wird heute in der Tourismusbranche als markantes Beispiel lokaler Industriearchitektur angeführt [4].

Quellen:

[1]…welt.de, 02.08.2021

[2]…holocaust.cz, 02.08.2021

[3]…SCHÄFER, T. (2007): „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“ – Das NSG-Verfahren gegen Johann Josef Kuhr und andere ehemalige Angehörige des Polizeibataillons 306, der Polizeireiterabteilung 2 und der SD-Dienststelle von Pinsk beim Landgericht Frankfurt am Main 1962-1973. Eine textanalytische Fallstudie zur Mentalitätsgeschichte. Villigst Perspektiven/Dissertationsreihe des evangelischen Studienwerks e.V. Villist, Band 11. LIT Verlag Dr. W. Hopf, Hamburg 2007, S. 506 ff

[4]… planetabelarus, 02.08.2021

 

 

AT | 1100 Wien | Wienerberger Ziegelwerke | Werk Wienerberg | 1913

Seltene, mit 1913 datierbare Fotodokumentation aus den 1820 von Alois Miesbach [1], am Standort des ehemaligen Ziegelofens der KKF (K.u.K. Fortifikationsdirektion) [2] gegründeten Wienerberger Ziegelwerken, Standort Wienerberg.

Eine Kurzbeschreibung der Wienerberger-Geschichte sprengt diesen Rahmen und ist kaum objektiv zu bewerkstelligen, weshalb dazu auf mehrere Websites verwiesen wird, die sowohl ökonomische als auch soziale Aspekte beleuchten sollen:

Wienerberger - Geschichte

Wienwiki-Geschichte

Austria-Forum, Wienerberger

Wiener Zeitung: Die Sandler vom Wienerberg

Die vier Fotos vom Wienerberg [3], wohl alle von Gustav GREINER am 08.08.1913 aufgenommen [4], zeigen:

  1. Lehmgewinnung durch auf Feldbahngleisen fahrenden Förderbagger, Lehmtransport in Loren, Trockenschuppen im Hintergrund.

  1. Schlagerin, Schlagtisch mit Lehmhaufen und Anlieferrampe. Der Lehm wurde durch Männer mittels Schubkarren auf den Schlagtisch befördert. Am Foto ist die Befüllung eines Ziegelmodels und das Abziehen des überstehenden Lehmes zu erkennen. Diese Arbeit wurde durchwegs von Frauen durchgeführt.

Alois Miesbach beschrieb um 1840 die Arbeit des Ziegelschlagens wie folgt:

„[…] Hierorts stehen beim Arbeitstische Mann und Weib. Der Mann macht abends den Ton an, während das Weib den Platz putzt und den Sand ausbreitet, indem ohne Einsandeln kein plastischer Ton geformt werden kann. Früh um 5 Uhr wird im Durchschnitt mit der Arbeit begonnen. Der Mann scheibt den Tegel auf den Tisch und das Weib schlägt Ziegel und leert den Model auf den Platz aus. Um 8-9 Uhr wird gewöhnlich gefrühstückt, dann wieder mit der Arbeit fortgesetzt bis 11 oder 12 Uhr, sodaß bis Mittag Mann und Weib 1500 Ziegel geschlagen und auf den Platz gelegt haben. Es haben auch Schlagerinnen täglich zu 2000, ja, was jedoch einzelne Fälle sind, 2500 bis 3000 Stück geschlagen […]“ [5].

  1. Schlagerin, Schlagtisch, Sandkasten, Wassereimer, frisch ausgeschlagene liegende Ziegel mit dem Firmenzeichen des Eigentümers Heinrich v. Drasche [6] im linken Vordergrund, hochkant gestellte Mauerziegel zur weiteren Trocknung (rechts), Aufseher, überdachte offene Trockenhütte zur weiteren Aufbewahrung vor dem Brand.

Alois Miesbach beschrieb um 1840 die am Foto ersichtliche Szene wie folgt:

„Diese auf geebnete Plätze gelegten Ziegel werden, wenn sie halbtrocken sind, auf ihre schmale, lange Seite aufgestellt und dann, wenn sie eine Festigkeit erlangt haben, daß man sie ungefährdet 5-6 Reihen übereinander stellen kann, in die Trockenschopfen eingetragen und hier nebeneinander und aufeinander geschlichtet, daß überall die Luft gehörig durchstreichen kann. In diesem Schopfen bleiben die Ziegel, bis sie völlig ausgetrocknet [sind] und in den Ofen zum Ausbrennen eingekarrt oder als Vorrat in einem anderen Schopfen aufbewahrt werden können […]“ [7].

  1. Hoffmannscher Ringofen mit Beschickungstüren, Einbringung von Dachziegeln auf Feldbahnwagen, Ausbringung von fertig gebrannten Mauerziegeln auf Schubkarre, Aufseher. Der Ringofen ermöglichte einen durch fortschreitende Verlagerung der gerade befeuerten und mit luftgetrockneten Ziegeln befüllten Sektoren einen durchgehenden Ziegelbrand, vgl. [8].

Da in den zitierten Quellen das 20. Jahrhundert stiefmütterlich behandelt wird, sei an dieser Stelle ein Überblick über den gesamten Konzern anno 1925, 1959 und 1979 gegeben.

1925: Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugesellschaft AG (1869 gegr.), I., Karlsplatz 1.

Ziegelfabriken und andere Werke:

  • X., Triesterstraße 106 (Wienerberg)
  • Vösendorf
  • Hennersdorf
  • Traiskirchen
  • X., Laaerberg (derzeit nicht in Betrieb)
  • X., Laaerwald (derzeit nicht in Betrieb)
  • X., Oberlaa (derzeit nicht in Betrieb)
  • XVII., Hernals (derzeit nicht in Betrieb)
  • Biedermannsdorf (derzeit nicht in Betrieb)
  • Guntramsdorf (derzeit nicht in Betrieb)
  • Möllersdorf (derzeit nicht in Betrieb)
  • Wiener Neudorf (derzeit nicht in Betrieb)
  • Kalksandziegelfabrik Matzen (derzeit nicht in Betrieb)
  • Ton- und Ziegelwerk Eberschwang
  • Tongrube im Krummnußbaum
  • Kaolinwerk Schwertberg
  • Tonwarenfabrik Wienerberg, X., Wienerbergstraße 11
  • Keramitsteinfabrik Wien X., Triesterstraße 106

Ca. 2.500 Arbeiter, 5000 PS Dampfmotore, Elektromotore, Benzinmotore. Erzeugnisse: 300 Millionen Mauerziegel, 20 Millionen Dachziegel, Verblender, Kaminsteine, Drainageröhren, Kalksandziegel, Pflasterplatten, Klinkerziegel, Schamottewaren, Terrakotten, Öfen, Kamine, Fliesen, Fußboden- und Wandbelagplatten, Majoliken, Kunstkeramik, Steinzeug, Elektroporzellan, Straßenpflaster aus Keramit, Kaolin, Quarzsand [9].

1959: Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugesellschaft AG (1869 gegr.), I., Karlsplatz 1.

Ziegelfabriken „Wienerberg“:

  • X., Triesterstraße 106
  • Vösendorf, Brunner Straße
  • Hennersdorf
  • Göllersdorf
  • Ernstbrunn
  • Weinsteig
  • Ernsdorf
  • Graz-St. Peter
  • Tonwarenfabrik , X., Wienerbergstraße 11

Diverser Grund- bzw. Gebäudebesitz: Wien I., Wien X. (Laaerwald), Biedermannsdorf, Guntramsdorf, Wiener Neudorf, Möllersdorf, Traiskirchen, Rückersdorf.

190 Angestellte, 2.800 Arbeiter. Erzeugnisse: Mauerziegel, Dachziegel, Drainageröhren, Hohlziegel, Deckenziegel, Klinkerziegel, Terrakotten, Ofenkacheln, Fußboden- und Wandplatten, Baukeramik, keram. Mosaik, Steinzeug. [10]

1979: Wienerberger Ziegelindustrie Gesellschaft m.b.H., Wien X, Wienerbergstraße 11

Ziegelfabriken:

  • Baden, Vöslauer Straße 167
  • Hennersdorf
  • Göllersdorf
  • Laa/Thaya
  • Marz [11]

Quellen:

[1]…MERK Grete (1966): Zwei Pioniere der österreichischen Industriegeschichte/Alois Miesbach und Heinrich Drasche. Wiener Forschungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 1, Hermann Böhlaus Nachfolger, Graz, S. 23

[2]…geschichtewiki.wien, 14.05.2021

[3]…4 Fotografien ca. 110 x 80 mm, rückwärtig beschriftet „Wien X“, Eigentum schlot.at – Archiv (2021). Verortung durch Quelle [4] und durch ein fünftes Foto aus dem Konvolut gesichert, welches den nahen Favoritner Wasserturm zeigt.

[4]…Zumindest eines der Fotos aus Quelle [3] liegt auch im Wiener Stadt- und Landesarchiv ein, ist dem Fotografen Gustav GREINER zugeschrieben, am Standort Wienerberg verortet und mit 08.08.1913 datiert: Ziegelei_Wienerberg-Datensatz ,14.05.2021.

[5]…MERK Grete (1966): Zwei Pioniere der österreichischen Industriegeschichte/Alois Miesbach und Heinrich Drasche. Wiener Forschungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 1, Hermann Böhlaus Nachfolger, Graz, S. 29

[6]…MERK Grete (1966): Zwei Pioniere der österreichischen Industriegeschichte/Alois Miesbach und Heinrich Drasche. Wiener Forschungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 1, Hermann Böhlaus Nachfolger, Graz, S. 51ff

[7]…MERK Grete (1966): Zwei Pioniere der österreichischen Industriegeschichte/Alois Miesbach und Heinrich Drasche. Wiener Forschungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 1, Hermann Böhlaus Nachfolger, Graz, S. 30

[8]…Hoffmannscher Ringofen/Konstruktion, 14.05.2021

[9]…COMPASS VERLAG (1925): Industrie-Compass Österreich 1925/26, Band 1, S. 305

[10]…COMPASS VERLAG (1959): Industrie-Compass Österreich 1959, S. 416-417

[11]…COMPASS VERLAG (1979): Industrie-Compass Österreich 1979/80, S. 300

TZ | vm. Tansania | Sisal-Plantage der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (1909/18)

Die vorliegenden sechs Fotos [1] aus Deutsch-Ostafrika, mutmaßlich heutiges Tansania, zeigen eine Sisal-Plantage der 1885 gegründeten [2] Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft.

Sisal ist eine Pflanzenfaser, die aus Agaven gewonnen wird. Sie wird u.a. für Teppiche, Taue, Seile, Garn, als Füllstoff für Matratzen oder als Poliermittel für technische Zwecke genutzt [3].

Zu ihren technischen Eigenschaften gibt Quelle [4] Auskunft.

1893 wurde die ursprünglich aus Südamerika stammende Sisal-Agave erstmals in der Kolonie Deutsch-Ostafrika angebaut [5].

Die Fotos zeigen die wesentlichen verfahrenstechnischen Schritte der Fasergewinnung:

  • Anlieferung der geschnittenen Agavenblätter
  • Maschineller Aufschluss der Fasern durch 90° zur Faserrichtung erfolgende Quetschung der Blätter
  • Wässerung der Faserbündel zur Entfernung von Pektin und Chlorophyll
  • Trocknung der Faserbündel
  • Verpackung bzw. Weiterverarbeitung zu Flachgewebe

Die Fotos dokumentieren ungeschminkt die Arbeitsverhältnisse der lokalen Bevölkerung. Die aneinander gekoppelten Feldbahnwaggons, die zum Transport der Agavenblätter verwendet werden, verfügen augenscheinlich über keine Lokomotive, sondern werden von Hand verschoben. Die Frau, die mit der Quetschung der Agavenblätter betraut ist, hantiert ohne jeglichen Schutz gegen Erfassung der Hände direkt an dem über schwere Metallrollen laufenden Treibriemen. Die Wässerung unter der Aufsicht eines Aufsehers in Tropenuniform erfolgt in Betonbecken ohne mechanische Hilfsmittel wie etwa Hebevorrichtungen. Im Bereich der Verpackung zu Pressballen (hier liegt eine Blechschablone der DOAG) ist andeutungsweise Kinderarbeit zu erkennen.

Quellen

[1]…6 Kontaktkopien, 165×123 mm Belichtungsfläche. Photocentrale der Kolonial-Kriegerdank G.m.b.H, Berlin N.W.G., nach 1909, [6], vor 1919 [7]. Eigentum schlot.at (2020)[2]…wiki – DOAG: , 12.10.2020
[3]…baunetzwissen.de, 12.10.2020
[4]…materialarchiv.ch, 12.10.2020
[5]…wiki – Sisalfaser, 12.10.2020
[6]…Kolonialkriegerdank: , 12.10.2020
[7]… wiki – Deutsch-Ostafrika: , 12.10.2020

DDR | DD | VEB Elbe-Chemie Dresden | Gebrauchsgrafik/Cremetuben

Der VEB Elbe-Chemie Dresden ging aus den 1907 gegründeten Leo-Werken hervor und war von 1957-1989 Alleinhersteller für Mund- und Zahnpflegemittel in der DDR [1,2]. Dies zeigt sich gut anhand zweier hier gezeigter Zahnpastatuben, die offensichtlich für den Kosmetikerzeuger VEB Florena Waldheim-Döbeln produziert wurden.

Charakteristisch für ostdeutsche Produkte war neben der Angabe der HSL (Handelsschlüssellistennummer [4]), der Schl.Nr. ELN (Schlüsselnummer der Erzeugungs- und Leistungsnomenklatur, [5]) der Aufdruck des festgesetzten EVP (Einzelhandelsverkaufspreises, [6]). Gesundheitspflegemittel hatten ferner einen Kennbuchstaben und eine Kennziffer nach folgendem Aufbau zu führen [7]:

Zitat Anfang:

Gesetzblatt (GBl.) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) Teil ⅠⅠ 1961, Seite 153 (GBl. DDR ⅠⅠ 1961, S. 153); Gesetzblatt Teil II Nr. 26 Ausgabetag: 3. Mai 1961 153 3. K = das Gesundheitspflegemittel ist für die Abgabe in Apotheken, Drogerien, Geschäften, in denen kosmetische oder sanitärhygienische Artikel zum Verkauf gelangen, und Friseurgeschäften zugelassen; 4. L = das Gesundheitspflegemittel ist für die Abgabe in Apotheken, Drogerien, Reformhäusern, Diätlebensmittel- und Lebensmittelgeschäften zugelassen. (3) Die Kennziffer besteht aus folgenden 3 Zahlengruppen: 1. die Nummer des Bezirkes, in dem der Hersteller seinen Sitz hat, in römischen Ziffern, 2. die laufende Nummer der Eintragung und 3. die letzten beiden Ziffern des Jahres der Eintragung in das Verzeichnis der Gesundheitspflegemittel. Die Zahlengruppen sind jeweils durch einen Schrägstrich getrennt. § 3 Kennbuchstabe und Kennziffer sind in dieser Reihenfolge nebeneinander auf der äußeren und inneren Verpackung des Gesundheitspflegemittels anzugeben. Sie müssen deutlich lesbar und von einer geradlinigen Umrandung umgeben sein […].“

Zitat Ende

Die vorliegenden Aluminiumtuben [9-13] aus den 1970/80er Jahren wurden 2020 aus einer Müllschüttung in Brandenburg, Landkreis Teltow-Fläming, geborgen.

  • FLORENA elkadent P / prophylaktisch gegen Parodontose / [Gütezeichen für ausgezeichnete Qualität] [8] / Entfernt wirkungsvoll durch neuen Putzkörper Zahnbeläge und schränkt damit Parodontal- und Karieserkrankungen ein. Durchblutungsfördernde und entzündungshemmende Wirkstoffe machen das Zahnfleisch widerstandsfähig gegen Erkrankungen. / 0,05 % Benzylnikotinat, 0,30 % Allantoin / K/XII/328/79 / HSL 83 41 000 / Inhalt 48 ml±1,5 ml / EVP 3,20 M / 12 Monate verwendbar / hergestellt am [?]1 [?] 82
  • Perlodont intensiv / Die blauen Farbstreifen mit dem Intensiv-Wirkstoff kräftigen das Zahnfleisch und fördern die Durchblutung. Zarter Putzkörper schont den Zahnschmelz, starke Schaumbildung erleichtert die Pflege. / p-Propylhydroxybenzoat 0,025 %, p-Methylhydroxybenzoat 0,075 %, Benzylnikotinat 0,05 % / K/XII/264/69 / HSL 83 40 28 / 48 ml / 2,50 M / hergestellt am 25 04 74
  • FLORENA Silca F / verstärkt reinigungsaktiv mit Fluor / Klinisch erprobt / Ein Spitzenprodukt für die Zahnpflege! Der Fluorwirkstoff mit Verweil-Faktor bietet den Zähnen vorbeugenden Schutz gegen Karies. Ein neuer Putzkörper unterstützt die Kariesprophylaxe durch gründliche Entfernung von Zahnbe[]ägen und unterdrückt die Ne[*]bildung von Zahnstein / 0,18 % Fluor / K/XII/332/79 / HSL 83 41 000 / Inhalt 48 ml±1,5 ml / EVP 2,90 M / hergestellt am 24 06 82 [*]… Lettern fehlen
  • FRISCHEKREM [Rest unlesbar]

Quellen:

[1]…https://www.dental-kosmetik.de, 27.09.2020

[2]…wiki, Leowerke, 27.09.2020

[3]…wiki, Florena, 27.09.2020

[4]…wiki, HSL, 27.09.2020

[5]…wiki, ELN, 27.09.2020

[6]…wiki, EVP, 27.09.2020

[7]…DDR-Gesetzblatt 1961 auf https://www.gvoon.de, 27.09.2020

[8]…wiki, Gütezeichen_(DDR), 27.09.2020

[9-12]…Funde im Eigentum von schlot.at

[13]…Fund im Eigentum von Achor e.V.

DDR | Saßnitz | VEB Fischwerk Saßnitz | Gebrauchsgrafik/Fischkonserven

Der volkseigene Betrieb Fischwerk Saßnitz wurde am 01.01.1957 als Verarbeitungsbetrieb aus dem 1949 gegründeten VEB Ostseefischerei Mecklenburg, Sitz Saßnitz, gegründet [1,2]. Per 01.01.1979 wurde er als Betrieb des VEB Fischkombinates Rostock geführt [2]. Der heutige Rechtsnachfolger ist die Firma RügenFisch [1,3].

Die hier gezeigten Konservendosen [7-14] aus den 1970er Jahren wurden 2020 aus einer Müllschüttung in Brandenburg, Landkreis Teltow-Fläming, geborgen. Charakteristisch für ostdeutsche Produkte war neben der Angabe der HSL (Handelsschlüssellistennummer [4]), der Schl.Nr. ELN (Schlüsselnummer der Erzeugungs- und Leistungsnomenklatur, [5]) auch der Aufdruck des festgesetzten EVP (Einzelhandelsverkaufspreises, [6]).

Folgende Reste von Konservendosen wurden aus dem Kulturschutt geborgen:

  • Sild in Öl / Deutsche Vollkonserve / Nettomasse 160 g / Schl.-Nr. ELN 17131121 / HSL 1631120 / EVP 1,55 M. Haltbarkeitsdatum: 16.10.1974
  • scomber-mix / Vollkonserve / Makrelenfilet zerkleinert mit Gemüse und Tomatentunke / Nettomasse 115 g / HSL 1631610 / 1,30 M. Haltbarkeitsdatum: 03.10.1979
  • Heringsfilet in Tomatentunke / Deutsche Vollkonserve / Nettomasse 200 g / ELN 17131221 / HSL 1631220 / EVP 1,30 M. Haltbarkeitsdatum: 14.11.1973
  • Heringsfilet in Tomatentunke / Deutsche Vollkonserve / Nettomasse 200 g / ELN 17131221 / HSL 1631220 / EVP 1,30 M. Haltbarkeitsdatum: 03.12.1975
  • Sprotten in Öl / Deutsche Vollkonserve / Nettomasse 110 g / ELN 17131121 / M 0,95. Haltbarkeitsdatum: 09.03.1973
  • Sild in Tomatentunke / Deutsche Vollkonserve / Nettomasse 110 g / ELN 17131121 / HSL 1631120 / M 0,80. Haltbarkeitsdatum: 24.10.1973
  • East Pount / Makrelenfilet in Tomatentunke / Deutsche Vollkonserve / Nettomasse 160 g / ELN 17131224 / HSL 1631200 / EVP 1,15 M. Haltbarkeitsdatum: 20.02.1976
  • Makrelenfilet in Senftunke mit Öl / Vollkonserve / Nettomasse 200 g / HSL 1631200 / 1,15 M. Haltbarkeitsdatum: 06.03.1979

Quellen:

[1]…wiki/RügenFisch, 26.09.2020

[2]…Hochseefischerwelt, 26.09.2020

[3]…https://www.ruegenfisch.de/ 29.09.2020

[4]…HSL, 26.09.2020

[5]…ELN, 26.09.2020

[6]…EVP, 26.09.2020

[7-14]…Funde im Eigentum von achor-verein.de: https://www.achor-verein.de/

AT | 1190 Wien | Gräf&Stift AG, Prototyp Colonia-Triebwagen, 1926/1928

Die 1904 in Wien-Döbling, Weinberggasse 70 gegründete [1] Firma GRÄF&STIFT, ab 1907 als Wiener Automobilfabrik A.G., vorm. Gräf & Stift geführt [2], wurde 1971 mit der anno 1907 in Floridsdorf gegründeten FIATWERKE AG zur ÖSTERREICHISCHEN AUTOMOBILFABRIK ÖAF-GRÄF&STIFT – AG vereinigt [2] und anschließend durch den deutschen Konzern MAN übernommen [1].

Ursprünglich wurden durch die Gräf&Stift AG in Döbling vor allem Limousinen und Busse erzeugt [1]. 1925 wurden 750 Arbeiter beschäftigt und folgende Fahrzeugarten hergestellt: 4- und 6-Zylinder-Luxus- und Tourenautos, Lastautos, Traktore, Motorboote [3].

Das uns vorliegende Foto [4] zeigt laut freundlicher Auskunft von Werner Neuwirth [5] den Prototyp eines in den 1920er Jahren seitens der MA30 in Auftrag gegebenen GRÄF&STIFT-Zugwagens für das Müllentsorgungssystem “Colonia”. 1928 waren 63 Triebwagen mit 114 Anhängern für die Abfallsammlung fertiggestellt [6]. Laut Auskunft [5] lieferte die 1926 gegründete Voran-AG [7] die zugehörigen Patente für den verbauten Vorderradabtrieb. Der abgebildete Triebwagen ist vor 1931 in Wien zugelassen (Kennzeichen AII 727, Systematik 1905-1930, vgl. [8]). Somit ist das Foto auf wenige Jahre genau datierbar.

Quellen:

[1]…Gräf&Stift – Geschichte, 08.03.2020
[2]…SEPER, H.: Von Austro-Fiat zur Österreichischen Automobilfabrik ÖAF-Gräf & Stift AG, Werdegang – Personen – Kraftfahrzeuge. Welsermühl, Wels 1994, ISBN 3-85339-206-7, Seite 280
[3]…COMPASS VERLAG (1925): Industrie-Compass Österreich 1925/26 1. Band, S 539
[4]…Foto 82×58 mm, Kontaktkopie, Eigentum schlot.at

[5]…Freundliche Auskunft Werner Neuwirth, 08.03.2020

[6]…Colonia-System, 09.03.2020

[7]…Voran-AG, 09.03.2020
[8]…Österreichische KFZ-Kennzeichensystematik 1905-1930, 08.03.2020

 

AT | 1030 Wien | Joseph Voigt & Companie | Lagerhaus/Mühle/Drogenappretur | 1935

Die 1714 gegründete Wiener „Specerey-, Material- und Farbwarenhandlung“ „Zum schwarzen Hund“ wurde 1806 von der Industriellendynastie Voigt übernommen und das Unternehmen zu einer bedeutenden Drogeriekette erweitert. 1892 entschloss man sich, im heutigen Bezirk Wien-Landstraße ein Grundstück für die Errichtung eines großen Lagerhaus- und Fabrikskomplexes mit Mühlen, Stampfen und Schneidemaschinen zu erwerben [1], um die eigenen Drogerien versorgen zu können. Die Bausubstanz der Fabrik wird mit 1893 datiert [2].

Das vorliegende Foto aus 1935 [3] zeigt diese Lager-, Manipulations- und Produktionsstätte in der Göllnergasse 15. Die baulichen Einrichtungen werden auf einem zeitgenössischen amtlichen Bezirksplan als „Lagerhaus und Drogenappretur“ bezeichnet [4].

Neben einem Kesselhaus samt Kamin wird auf der Fotografie der Einsatz einer schmalspurigen Rollbahn zum Materialtransport im Fabrikshof gezeigt. Ein voll beladenes zweispänniges Fuhrwerk steht gerade auf der Brückenwaage, zeitgleich wird ein großvolumiges Faß mittels Rohrleitung befüllt.

Sämtliche weiteren gesichteten Firmendaten beziehen sich leider auf das Unternehmen allgemein bzw. die Filialen und nicht auf das hier abgebildete industriegeschichtlich relevante Lagerhaus.

 

Quellen:

[1]…VOIGT Alfred, biographien.ac.at, 06.12.2019

[2]…Wien Kulturgut, 06.12.2019

[3]…Foto 168×121 mm auf Agfa Brovira matt, bezeichnet: „Sommer 1935 bei Fa. Jos. Voigt & Co, Wien III, Göllnergasse 15; Gribitzer mit schwerem Fuhrwerk; Tomaschek, Pindur, Musil +1939, Benedikt“; Eigentum Archiv schlot.at (2018)

[4]…Plan des III. Wiener Gemeindebezirkes Landstraße, Maßstab 1:10.000. Kartographisches, früher militärgeographisches Institut, um 1935